Formel 1 in Kandersteg

Qualifying, Poleposition, Boxenstrasse: Weltpremiere für Ski-Langläufer

Einsam und verlassen liegt die Hauptstrasse zwischen den Häusern mit den dicken Schneemützen und den hell erleuchteten Fenstern. Man sitzt bei Tisch und an der Wärme, denn draussen ist es bitterkalt und neblig. Fast scheint es, als gähne das Dorf wohlig in Erwartung einer langen und geruhsamen Nacht. Bloss eines will nicht so recht ins Bild passen: der helle Lichtschein über der Müllermatte.

Eine grosse weisse Fläche, die ringförmig von einer Loipe durchzogen wird. Orange Absperrnetze. Ein Wagen, in dem drei tief Vermummte vor Laptops sitzen. Lautsprecher und Scheinwerfer. Einrichtungen für eine Zeitmessung. Eine grosse Leinwand voller Namen und Zahlen. Und rundum Langläufer, die sich aufwärmen oder warm halten.

Das Qualifying beginnt. Kategorienweise machen sich rund 100 Langläuferinnen und Langläufer mit Jahrgängen zwischen 1944 und 2000 auf die Strecke und versuchen innert einer halben Stunde eine besonders schnelle Runde zu absolvieren – denn das ergibt die Startaufstellung fürs Rennen. Irgendwie kommt einem das bekannt vor. Genau: Hamilton in der Poleposition vor Massa und Alonso. Die Formel 1 ist in Kandersteg angekommen. Allerdings auf zwei schmalen Latten statt auf vier breiten Reifen. Kein Benzingeruch liegt in der Luft, kein Motorengebrüll stört die Stille, die Boxenluder haben ihre Reize in Daunen verpackt.

Bei der Veranstaltung handelt es sich um eine Welt-Premiere und sie gehört zu den Cross-Country-Events, einer der vielen Attraktionen, mit denen Kandersteg seinen Ruf als erstklassige Langlaufdestination untermauern und damit Akzente setzen will.

Während der Frost durchs Tal schleicht und dicke Flocken vom Himmel fallen, geht auf der Müllermatte dermassen die Post ab, dass die alte Wildifluh überrascht die Stirne runzelt – die Jüngsten sind auf der Loipe. Es ist schön ihnen zuzuschauen: Freude am Sport wird spürbar, Leistungswillen, volles Engagement. Schliesslich erweisen sich die Simmentaler als besonders schnell und ausdauernd. Es gewinnen Melissa Gafner aus Oberwil bei den Mädchen und Patrick Kurt aus Zweisimmen bei den Buben.

„Heja, heja“, tönt es beim Start der älteren Jungen (1993-1996) und plötzlich liegt ein Hauch von Skandinavien über Kandersteg. Auf der Startliste Gafner-et es gewaltig, aber der Sieg geht dann doch nicht an die LLL-Dynastie, sondern an Anna Kurt und Simon Hammer, beide für den SC Zweisimmen am Start.

„E Schwan so wyss wie Schnee“, tönt Gölä aus den Lautsprechern und die Damen zischen ab wie die Windsbräute. Bald liefern sich Brigitte Witschi (Steffisburg) und Susi Meinen (Reidenbach) weit vor dem Feld einen Fight auf Biegen und Brechen. Der Sieg geht auch diesmal ins Simmental, was allmählich ein bisschen unverschämt anmutet, aber von den Kandertalern mit der ihnen eigenen Grandezza akzeptiert wird.

Die Fachsimpeleien der Zuschauer begleiten das Warm-up der Männer. Als Favorit wird Marco Mühlematter aus Bönigen gehandelt, aber auch dem Inniger Mathias vom SC Adelboden sei einiges zuzutrauen. Es geht über sieben Runden à 500 Meter, wobei zwei Mal die Boxenstrasse passiert werden muss – im klassischen Stil und ohne Überholen. Sehr rasch zeigt sich, dass tatsächlich Mühlematter und Inniger das Rennen unter sich ausmachen werden. In der 5. Runde verschärft der Haslitaler das Tempo und zieht definitiv von dannen.

Um 21.30 Uhr ist die Show zu Ende – Lichterlöschen auf der Müllermatte. Die Lang-läuferinnen und Langläufer hüllen sich in allerlei wärmende Textilien und streben dem Dorf zu. Zurück bleibt die Wildifluh, mit steinernem Antlitz zwar, aber doch etwas verwirrt vom Gastspiel des Formel-1-Zirkus‘ am Lötschberg.

Erich Kobel

Publiziert am 29. Januar 2009 im "Berner Oberländer"

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Donnerstag, 29. Januar 2009
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